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Gastblog: Was haben „Die Geissens“ von RTL II mit Sharely zu tun?

Von Georg von Richthofen (ETH D-MTEC) am 21. Januar 2015
Das ist eine Frage die ich mir vor Beginn meiner Interviews mit Sharely Nutzern sicher nicht gestellt hätte. Das faszinierende an Interviews ist oft, dass sie einem regelmässig Antworten auf Fragen liefern, die man nicht gestellt hat, und Fragen aufwerfen

Als Doktorand des Departments für Management, Technologie und Ökonomie (D-MTEC) der ETH Zürich beschäftige ich mich im Rahmen meiner Doktorarbeit seit 2013 mit den Themen des kollaborativen Konsums, des Teilens und der Sharingeconomy. Im Rahmen meiner Dissertation kooperiere ich mit Schweizer Plattformen wie Sharely.ch, um ein besseres Verständnis für die Bewegung bzw. den Markt des kollaborativen Konsums zu bekommen. Durch Andreas’ Mithilfe hatte ich die Möglichkeit, über einen Zeitraum von etwa 3 Wochen insgesamt 14 Sharely Nutzer (6 Vermieter & 8 Mieter) persönlich an der ETH zu empfangen, um mich etwa 45-60 Minuten über Sharely, die Sharingeconomy und thematisch damit verbundene Themen auszutauschen.

Besonders schön war die Vielseitigkeit meiner Stichprobe: so war die jüngste Teilnehmerin eine 20 jährige Studentin und der älteste Teilnehmer ein 67 Jahre alter Rentner. Der Ausbildungsstand variierte dabei von einer abgeschlossen Lehre bis hin zu einem Dr. rer. nat. und Berufe vom Sozial bis- hin zum Projektmanager. Umso ähnlicher waren sich die Teilnehmer in Ihrer Offenheit, mir über ihre Sichtweisen Auskunft zu geben und in ihrer grossen Neugierde im Bezug auf Geschäftsmodelle und Bewegungen wie Sharely und die Sharingeconomy im Allgemeinen. Passenderweise nutzen einige der interviewten Sharely Nutzer auch andere Sharing Angebote im weitesten Sinne, unter anderen Airbnb, Couchsurfing, Exsila, Mobility, Sharoo, Urban Gardening sowie diverse Zeittauschbörsen und Flohmärkte. Euch allen vielen Dank nochmal für Eure Offenheit!
Mit Interesse konnte ich feststellen, dass sich die meisten Sharely Nutzer meiner Stichprobe bis auf eine Ausnahme entweder als Vermieter ODER Mieter aktiv gewesen sind und sich Vermieter und Mieter systematisch in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Einige Sharely VERMIETER passen beispielweise sehr gut in das Bild von sogenannten politischen Konsumenten, das heisst, dass sie als Individuen Ihre Konsumentscheidungen nutzen, um ihre Ansichten zu anderen Konsumenten, Unternehmen oder zur Gesellschaft zu kommunizieren. Sharely ist dabei ein geeignetes Medium, um zu zeigen, dass man nicht alles selber besitzen muss. Andererseits erscheinen MIETER eher von ökonomischen Überlegungen wie Preis sowie Komfort getrieben und dabei tendenziell weniger idealistisch motiviert als Sharely Vermieter. Sowohl unter Mietern als auch Vermietern scheint es aber einen gewissen Konsens zu geben, dass ein Angebot auf Sharely deutlich günstiger als das eines professionellen Anbieters sein sollte, sei es, weil dieser keine Kosten hat, Steuern zahlt, Rücklagen bilden muss, oder schlicht und ergreifend, weil es bei Plattformen wie Sharely nicht um das Geld verdienen gehen sollte.
Spannend ist für mich bei meiner derzeitigen detaillierten Auswertung der Interviews, wie Konsumenten versuchen, diese doch immer noch sehr neuartige Bewegung des kollaborativen Konsums für sich selber einzuordnen. Die Interviews bisher zeigen, dass sich die meisten damit fast so schwer tun, wie ich mit meiner Doktorarbeit: so verwechseln beispielsweise nahezu alle Teilnehmer immer wieder vermieten & mieten mit verleihen & ausleihen, während der Begriff des „Teilens“ oft relativ unklar definiert im Raum steht. Wenig überraschend war angesicht dessen, dass auch die Normen des „Teilens“ in der Praxis sehr uneinheitlich wahrgenommen werden. Was für ein Preis ist für’s Teilen angemessen? Ist man quitt, wenn man einen (relativ niedrigen) Betrag für die „Miete“ eines teuren Gegenstandes gezahlt hat oder sollte man noch Trinkgeld geben (wie Teilnehmer 1), Süssigkeiten als Geschenk mitbringen (wie Teilnehmer 10 und 13), oder reicht ein herzliches Dankeschön?
Das sind zwei der vielen Fragen, die mich weiterhin bei zukünftigen Interviews mit Nutzern von anderen Plattformen beschäftigen werden.
PS: „Die Geissens“ (voller Titel: Die Geissens – eine schrecklich glamouröse Familie) ist eine Fernsehsendung auf dem Deutschen Kanal RTL II, die das Leben einer vermögende deutschen Familie an Orten wie Monaco dokumentiert. Natürlich haben „Die Geissens“ relativ wenig mit Sharely zu tun. Dennoch gebrauchte einer meiner Teilnehmer „Die Geissens“ als Beispiel dafür, dass man sich über Eigentum heutzutage nur noch sehr begrenzt distinguieren kann.
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